Die 1. Klasse – Mein Ticket der Freiheit
Die 1. Klasse ist ein Luxus, das ist mir bewusst. Sie muss bezahlt werden, und nicht jeder kann sie sich leisten. Aber für mich als Mensch mit ME/CFS ist sie weit mehr als ein Komfort-Upgrade – sie ist die Voraussetzung dafür, dass ich überhaupt noch rausgehe. Ohne mein GA 1. Klasse würde ich die Wohnung kaum noch verlassen. Das ist keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Realität. Denn die 1. Klasse bietet mir etwas, das in der 2. Klasse schlicht nicht existiert: eine drastische Reduktion der optischen Reize.
Es geht dabei nicht primär um Lärm – auch wenn die Ruhe natürlich angenehm ist. Viel entscheidender ist, dass in der 1. Klasse deutlich weniger Bewegung stattfindet. Die Waggons haben bereits von der Sitzanzahl her nur etwa zwei Drittel der 2. Klasse, sind aber oft noch weniger belegt. Das Klientel ist ruhiger: Kaum Gruppen, meist Business-Leute, die konzentriert arbeiten. Menschen, die Ruhe mitbringen, statt Unruhe zu erzeugen.
Für jemanden mit Hypersensitivität macht dieser Unterschied den gesamten Unterschied aus. Wenn ich in der 2. Klasse sitze, bombardiert mich ein ständiger Strom an optischen Reizen: Menschen, die aufstehen, sich hinsetzen, vorbeigehen, gestikulieren, sich umdrehen. Jede Bewegung im peripheren Sichtfeld aktiviert mein ohnehin überlastetes Nervensystem. In der 1. Klasse hingegen herrscht eine wohltuende Stille – nicht nur akustisch, sondern vor allem visuell.
Diese wenigen Quadratmeter ruhigeren Raum sind für mich nicht weniger als mein Ticket der Freiheit. Sie ermöglichen mir, am Leben teilzunehmen, Termine wahrzunehmen, Menschen zu treffen – ohne dass mich die Fahrt dorthin bereits vollständig erschöpft. Die 1. Klasse ist keine Bequemlichkeit. Sie ist eine Notwendigkeit.



